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Mannheimer Akzent

In der Schule war ich in Fremdsprachen immer besonders gut. Auch in Französisch, auch im Diktat. Mein größtes und eigentlich einziges Problem waren die Akzente.

Ich konnte mir schon damals nur schwer erklären, welcher Akzent wohin gehört. Um meine makellose Diktatbilanz aber nicht zu versauen, habe ich mit eine geniale Strategie zurechtgelegt: Ich habe weder einen accent aigu noch einen accent grave gesetzt (den circonflexe konnte ich ja), sondern einfach einen senkrechten Strich auf den betroffenen Buchstaben geknallt. Klappte jahrelang wunderbar und brachte mich auch zum 14-Punkte-Französisch-Abi.

Heute weiß ich natürlich, dass das eine total halbarschige Lösung ist. Damals dachte ich allerdings, ich hätte mich schlau aus der Affäre gemogelt und keinerlei Angriffsfläche geboten. Aalglatt, geschmeidig, ölgetränkt.

Warum ich das erzähle? Weil es mir so vorkommt, als habe die Mannheimer Staatsanwaltschaft ählich gehandelt. Nach dem beliebten Motto „Bei einem guten Kompromiss ist jeder unzufrieden“ hat die Staatsanwaltschaft jetzt ein Strafmaß von 4 Jahren und drei Monaten gefordert.

Im Klartext bedeutet das, dass die Staatsanwaltschaft entweder einen Vergewaltiger mit popligen vier Jahren und drei Monaten davonkommen lassen (immerhin für eine besonders schwere Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung), oder alternativ einen Unschuldigen vier Jahre und drei Monate einsperren will.

Fast schon macchiavellisch-salomonisch in der Art und Weise, wie die Mannheimer Justiz hier gar keinem gerecht wird.

Doch die Deutsche Einheit.

Ich habe meine Meinung geändert. Ich habe doch noch etwas, das ich zur Deutschen Einheit sagen möchte.

Wir haben früher oft Tagesausflüge gemacht, meine Eltern, mein Bruder und ich. Da war es fast unumgänglich, dass wir auch gelegentlich mal an die Zonengrenze gekommen sind (ja, liebe Kinder, so hieß das früher).

Ich weiß nicht, ob ich das schon mal erzählt habe, aber früher, als Kind, fand ich es fast ein bisschen cool, dass Deutschland so getrennt ist. Nicht cool im Sinne von „gut“, und „cool“ gab es damals sowieso noch nicht, aber ich fand es eben vage interessant, weil andere Länder das halt nicht hatten. Ihr seht, ich hatte damals noch nicht einmal etwas von Korea gehört. War offensichtlich vor 1988.

Eines Tages waren wir also wieder an der Grenze zur DDR. Ich wusste damals schon, dass man da ganz vorsichtig sein musste, damit man nicht erschossen wird. Größere Gedanken über richtig oder falsch hab ich mir wohl nicht gemacht.  Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf gekommen sind, vielleicht hab ich gefragt, aber ich kann mich noch genau erinnern, wie mein Bruder voller Verachtung sagte: „Die erschießen da die Leute, die aus dem Land rauswollen.“

Ich habe zwar damals gedacht, die erschießen Leute, die im Ausland Urlaub machen möchten … aber in diesem Moment wurde mir jedenfalls bewusst, dass diese Trennung in BRD und DDR etwas ganz Schlechtes war. Wenn ein Land seine eigenen Leute erschießt, dann ist das nicht gut, das konnte ganz offensichtlich sogar ein Kind verstehen.

Natürlich sieht man das mit den versprochenen blühenden Landschaften heute nicht so, außer man sieht vielleicht durch die Politikerbrille hin. Aber auch wenn die Landschaft nicht so blüht, wie man sich das wünschen würde, leben wir jetzt ALLE in einem Land, in dem man nicht einfach so von der Regierung erschossen wird. Auch die Leute in Chemnitz, in Niesky, in Rostock und in Ost-Berlin, in den Städten, in den hintersten Käffern und sogar da, wo früher die Mauer direkt durchs Dorf verlief, so dass man zwar in Spuckweite der Hauses der Großeltern wohnte, sie aber nicht mehr besuchen konnte.

Wem das nicht die paar verschissenen Euro für den Soli wert war – und darum scheint es vielen Leuten jahrelang gegangen zu sein -, dem ist eh nicht mehr zu helfen.

Übrigens weiß ich sowieso nicht, ob es die Leute, die angeblich die Mauer zurückwollen, ernsthaft gibt, oder ob die nicht einfach im gleichen BILD-Knallchargen-Schrank stecken wie die Leute, die eine „Sarrazin-Partei“ wählen würden.

So. Jetzt hab ich das auch mal gesagt.

Wenn ihr noch etwas Gehaltvolleres zur Deutschen Einheit lesen wollt, lest euch bitte Deutschland war einmal geteilt durch.

Stellt euch vor: Sizilien, 1922

Ok, ich bin nicht Sofia Petrillo, und es geht nicht um Sizilien. Es geht um Geschwisterliebe.

Ich weiß nicht, ob ich schon einmal über meinen großen Bruder gesprochen habe. Als wir in der sechsten Klasse eine Skireise machten, hat er mir vorher gesagt, dass ich keine Ohrringe tragen soll, weil bei großer Kälte die Ohrläppchen dadurch erfrieren können. Ich trage bis heute im Winter kaum Ohrringe,  teilweise auch, weil ich es nicht so mag, wenn sie sich im Schal verheddern und am Ohr zerren. In Wirklichkeit mach ich das aber deswegen nicht, weil mein Bruder mir das gesagt hat.

Wenn ich Auto fahre, und an dieser einen bestimmten Stelle kurz vor meinem Heimatdorf in der Kurve auf der linken Straßenseite fahre, weil das einfach geschmeidiger geht, dann denke ich an meinen Bruder. Er hat das nämlich an der selben Stelle genauso gemacht, als er seinen Führerschein noch ganz neu hatte und mit mir unterwegs war. Und noch heute höre ich meinen Bruder sagen: „Du machst das aber mal nicht wenn du selber fährst!“

Meinen Bruder liebe ich von allen Menschen auf der ganzen Welt am meisten, vielleicht sogar mehr als mich selbst. Ich glaube, er ist auch der einzige Mensch, von dem ich sicher weiß, dass er mich immer versteht. Klar, er weiß ja buchstäblich wo ich herkomme!

Wir reden nicht wahnsinnig viel miteinander, wir sind einfach nicht die Geschwister, die jeden Tag miteinander telefonieren und sich alles erzählen. Aber ganz oft haben wir, wenn wir uns treffen, so ganz spezielle Momente, an denen wir genau wissen was der andere denkt.

Stellt euch vor: Sizilien, 1922 Petersaurach, 3. Mai 2008. Wir waren beide auf der Geburtstagsfeier einer Freundin. Irgendwann kurz vor zwei Uhr morgens ruft mein Bruder, nicht mehr ganz nüchtern, quer durch den Raum:

„Schwesterherz, von wem stammt denn Alles fließt?“

„Heraklit!“

Ich habe ihn nicht gefragt, warum er das grad wissen musste.

Ich habe ihn nicht gefragt, warum er dachte ich weiß das.

Ich habe ihn nur angesehen, und er mich, und in diesem Moment gab es auf der ganzen Welt keine zwei anderen Menschen, die verwandter waren als mein Bruder und ich.

Das wollte ich euch nur mal erzählen.